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Erdbeeranbau in Spanien

Bio - logisch! Aber wer zahlt die Zeche?

Südspanien: Eine Reportage über die fehlende Nachhaltigkeit in der industriellen Produktion von Bioerdbeeren


Von Shelina Islam (Text) und Bodo Marks (Fotos)


"Ruta del Sol" heißt die A7 in Andalusien. Sonnenroute. Weil hier schon die Sonne scheint, wenn es im Rest Europas kalt ist. Kurz hinter Almería eröffnet sie einen fantastischen Blick auf die andalusische Wirtschaft: Plastikplanen, soweit das Auge reicht. In Reih und Glied stehen sie da, die schnellen Brüter der spanischen Obst- und Gemüseproduktion. Doch wo bislang noch massiv die Giftspritze zum Einsatz kam, schwenken die Produzenten langsam um. „Bio“ heißt die neue Devise. Aber wo Bio draufsteht, ist nicht immer Nachhaltigkeit drin.

Lebensmittel ohne Pestizide - laut Ökobarometer ist die gesunde Ernährung der zweithäufigste Grund, warum die Deutschen zu Bio greifen. Umweltverträglichkeit versteht sich dabei für die meisten von selbst. Mehr als 50.000 Produkte tragen in Deutschland das sechseckige, grünweiße Bio-Siegel, das die Herstellung nach den EG-Regeln des ökologischen Landbaus garantiert. Unzählige weitere Siegel aus dem Ausland versprechen dasselbe. Und eigentlich scheint klar: Was für uns gut ist, kann für die Umwelt nicht schlecht sein. Doch die Rechnung geht nicht immer auf.

Wenige Kilometer vor der portugiesischen Grenze, in der andalusischen Doñana, lehnt sich Juan Soltero in seinem Sessel zurück. Er sitzt in seinem gläsernen Büro mit blank gefliesten Böden und stilisierten Erdbeeren an den Trennwänden. Soltero ist Inhaber von Bionest, einem der größten Bio-Erdbeer-Exporteure Europas. Auf 500 Hektar Fläche baut sein Unternehmen Bio-Obst an und exportiert es unter anderem an deutsche Supermärkte und Discounter, auch Biosupermärkte zählen zu seinen Kunden. „Bis zwei wird geerntet, am Nachmittag verpackt und abends geht die Ware raus auf die Straße. Kurz darauf ist sie in Deutschland und liegt in den Auslagen der Supermärkte.“ Knallrot, prall und saftig lockt der hier besonders beliebte Fresón in Plastikschälchen gebettet und in Folie verschweißt den Biokunden zum Kauf. Und Juan schwört auf seine deutsche Klientel. „Erst war das eine bestimmte Art Leute, die Bioverfechter. Aber das Konsumentenbild hat sich geändert, jetzt lohnt sich das Geschäft.“

Der Blick aus Juan Solteros abgedunkeltem Bürofenster fällt auf ein gebeuteltes Paradies. Vor seiner Tür liegt das Naturschutzgebiet Doñana. Jährlich machen hier Millionen Zugvögel Halt, Flamingos staken auf der Suche nach Futter durch die Lagunen, Pinienwälder erstrecken sich kilometerweit bis zum Meer. Und wer ganz genau hinguckt, entdeckt im Wald einen der geschätzten 1000 illegalen Brunnen, die die Landwirte hier ohne Genehmigung in den Boden graben. „Jeder will immer mehr und mehr. Immer mehr Hektar für immer mehr Erdbeeren, und die sind durstig. Allein zwei Pfund Erdbeeren verbrauchen ganze 115 Liter Wasser. Die Feuchtgebiete trocknen langsam aber sicher aus“, sagt Felipe Fuentelsaz von der Umweltorganisation WWF. Das Geschäft mit der Erdbeere hat nachhaltig eingeschlagen. Vor allem im Naturschutzgebiet. „Wenn ein Wasserreservoir erstmal versalzen ist, gibt es kein Zurück. Etwa die Hälfte der Brunnen hier ist illegal. Und sie werden immer tiefer gebohrt, weil der Grundwasserspiegel zunehmend sinkt.“ Doch ihnen den Hahn abzudrehen, ist leichter gesagt als getan. Die Landwirtschaft hat sich zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Laut spanischem Landwirtschaftsministerium verzeichnete der Bioanbau 2008 in Spanien Zuwächse um 33%, Andalusien liegt mit einer Anbaufläche von knapp 600.000 Hektar vorn. Allein in der Provinz Huelva beackern 1040 Biobauern knapp 186.000 Hektar Bioland, 50% davon in der Region Doñana. Und graben dabei dem Feuchtgebiet das Wasser ab.

Juan Soltero von Bionest kennt die Wasserproblematik nur zu gut. Er sieht die Notwendigkeit zu handeln, wenn auch in seinem eigenen Sinne. „Die Behörden müssen endlich etwas tun“, sagt er. „Die Bauern hier haben immer im Einklang mit der Natur gearbeitet, bis man anfing, auf die Wissenschaftler zu hören. Seitdem geht alles drunter und drüber.“ Wasser sei genug da, die Unkenrufe der Umweltschützer überflüssig. Einzig die Zuteilung der Ressource müsse endlich geregelt werden.
Und bis das geschieht, nehmen viele Bauern ihre Wasserversorgung selbst in die Hand. Die meisten der illegalen Brunnen liegen versteckt im Wald. Doch nicht alle Produzenten halten sich so bedeckt. Viele graben direkt auf ihren Feldern nach Wasser. Die Strafe von derzeit einem Euro pro Kubikmeter illegal gezapften Wassers schlägt da kaum zu Buche, und für den Brunnenbau selbst wird niemand bestraft. Die Rechnung geht auf, auch für den Bioproduzenten Soltero. Hinter der Lagerhalle des Unternehmens führt eine unbefestigte Straße zu den Feldern. Staub wirbelt auf. Vor einer Reihe Gewächshäuser steht ein Kran, ein LKW blockiert den Weg. Arbeiter sehen zu, wie sich ein Bohrer mit lärmendem Stottern in die Erde gräbt.
„Wem gehört denn diese Finca?“
„Bionest“ ist die freundliche Antwort.

„Meine Philosophie ist der Einklang von Landwirtschaft und Natur. Die Leute hier denken genau so, und deswegen gräbt hier auch niemand mehr Brunnen“, erklärt Juan Soltero in seinem gläsernen Büro zwei Kilometer entfernt. Was da auf seinem Feld passiert? Nach kurzer Irritation findet sich auch hierfür eine Antwort: „Der ist nicht neu, er wurde nur repariert.“
Eine Erklärung, die Javier Serrano nicht eben zufrieden stellt. Als Leiter der staatlichen Wasserbehörde verfolgt er seit mehreren Jahren Wassersünder in der Region und hat sich damit keine Freunde gemacht. Er wirkt müde, aber entschlossen. Die Gesetzeslage ist klar, und sein Job ist es, für ihre Einhaltung zu sorgen. „Dieses Unternehmen ist in der Vergangenheit schon mehrmals abgestraft worden, und ein Brunnen an dieser Stelle ist absolut illegal“, erklärt er. „Der Schutzplan für dieses Gebiet verbietet ausdrücklich weitere Wasserentnahmen für landwirtschaftliche Zwecke.“
Doch Bionest ist nur ein Sünder von vielen. „Die zona fresera, das Erdbeeranbaugebiet nahe Almonte, ist einer der Brennpunkte, was die illegale Wasserentnahme anbelangt“, so Serrano. „Im Plan zur Neuordnung ist vorgesehen, alle Brunnen zu schließen, die sich negativ aufs Ökosystem auswirken. Die Untersuchung wird allein in diesem Gebiet 80% der Anbaufläche betreffen.“ Die Grundwasserleiter, die unter einer Fläche von 3400 km² in Almonte verlaufen, verringern sich seit den 70er-Jahren stetig. Der Status dieses Gebiets lautet längst nicht mehr „bedroht“. Er befindet sich laut Umweltministerium im Alarmzustand.

Etliche nationale und internationale Biozertifikate zieren Bionest, unter anderem das staatliche deutsche Bio-Siegel. Lupenreine Bioproduzenten also? In den Augen der EG-Öko-Verordnung schon. Zumindest, was die Ressource Wasser betrifft. Denn in den europäischen Vorgaben taucht das Kriterium „legale Wassernutzung“ bislang gar nicht auf.

Erstveröffentlichung: Süddeutsche Zeitung (30.06.2009) 

©2009-2010 S.Islam / B.Marks / marks-photo.de

Seite der Autorin: www.shelina-islam.de

Erdbeeranbau in Spanien - Illegaler Brunnenbau für den Anbau von Bioerdbeeren

Erdbeeranbau in Spanien - Felipe Fuentelsaz von der Umweltorganisation WWF neben einem Illegalen Brunnen

Erdbeeranbau in Spanien - Produktion von Bioerdbeeren

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Erdbeeranbau in Spanien - Rumänische Erntehelferin

Erdbeeranbau in Spanien - Rumänische Erntehelferinnen

Rumänische Frauen, die als Erntehelfer in der Erdbeerernte arbeiten, stehen in Palos de la Frontera bei Huelva (Spanien) auf einem Erbeerfeld unter Folientunneln zusammen.

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Erdbeeranbau in Spanien - Erdbeerfelder neben Ölraffinerien

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