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Das Plastikmeer von Almeria

Gekentert im Plastikmeer

Eine Reportage über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Immigranten in der südspanischen Gemüseproduktion


Von Shelina Islam (Text) und Bodo Marks (Fotos)


Es wird Winter in Europa. Wer dieser Tage in den Supermarkt geht, findet trotzdem ein reiches Angebot in der Obst- und Gemüseabteilung vor. Frische Paprika, Tomaten und Zucchini füllen die Auslagen der Discounter. Doch der mediterrane Sommersalat zur deutschen Vorweihnachtszeit wird teuer bezahlt: Arbeitsimmigranten aus Marokko und dem südlichen Afrika schuften in den Gewächshäusern Südspaniens, wo ihnen die fundamentalsten Menschenrechte verwehrt werden.

Es ist sieben Uhr morgens im südspanischen El Ejido. Der Boulevard am Ortsausgang liegt im gelben Licht der Nachtlaternen, die Rollläden der Häuser und Geschäfte sind noch geschlossen. Kaum einer sieht das Schattenspiel, das sich allmorgendlich vor den Fenstern neu inszeniert. Aus dem Schutz der Dunkelheit tauchen sie auf, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, stumm, unauffällig. In kleinen Gruppen sammeln sie sich am Straßenrand und auf der Tankstelle am Boulevard. Das Licht der Straßenlaternen erhellt hier und da ein müdes Gesicht, es fallen kaum Worte. Vans fahren im Schritttempo den Boulevard hinauf, einer hält vor einer versprengten Gruppe. Ein Fenster wird heruntergekurbelt, Bewegung kommt in die Wartenden. Ein kurzer Wortwechsel, sie steigen ein und der Van entfernt sich so lautlos, wie er gekommen ist. Als der Tag anbricht und sich hektische Geschäftigkeit in den Straßen breit macht, sind die Immigranten aus der Stadt verschwunden.

Täglich warten im Intensivanbaugebiet von Almería Tausende Tagelöhner auf ihre Anwerbung durch die Patrones, um in einem der Gewächshäuser einen Tagesjob als Erntehelfer zu ergattern. Die meisten von ihnen sind papierlose Immigranten aus dem Maghreb oder Ländern südlich der Sahara, die in Booten vor den Kanarischen Inseln aufgegriffen werden. Nur selten protestieren sie nach den durchgestandenen Strapazen noch gegen die Lebensbedingungen, die sie erwarten, wenn sie spanisches Festland erreichen. Doch was sich für die Produzenten als gutes Geschäft mit billiger Arbeitskraft herausstellt, bezahlen die Immigranten teuer. Und dem Endverbraucher ist selten klar, unter welchen Produktionsbedingungen die günstigen Obst- und Gemüseangebote in seinem Supermarkt zustande gekommen sind.

Auch Abdelkader Chacha kam vor dreißig Jahren aus Marokko nach Almería, um in den Gewächshäusern zu arbeiten. Heute ist er Mitarbeiter der Landarbeitergewerkschaft SOC, die sich für die Rechte der papierlosen Arbeitsimmigranten einsetzt und gegen ihre Ausbeutung durch die Unternehmer kämpft.

"Die Immigranten, die unter dem Plastik arbeiten, sind die Sklaven von heute. Die Bauern verdienen ihr gutes Geld an uns, aber sie behandeln uns wie Dreck." Abdelkaders Blick schweift über die schmutzigweißen Plastikplanen, die um die Mittagszeit träge im heißen Wind flattern. Wolkenverhangene Berge begrenzen das Meer aus Plastik, das sich bis in die Ausläufer der Sierra de Gádor hinaufschiebt. Lastwagen aus dem südspanischen Anbaugebiet rollen täglich über die Autobahnen Richtung Norden, um deutsche Supermärkte mit billigem Obst und Gemüse zu beliefern. Mittlerweile werden 350 Quadratkilometer der Provinz Almería von den Treibhausplantagen bedeckt. Sie reichen bis an die Häuser der Wohnviertel heran, säumen die Schnellstraßen und umschließen die Ortschaften wie eine Schicht aus silbrig glänzendem Tüll. Mitten im so genannten Plastikmeer liegt die Kleinstadt El Ejido mit ihren sauber gefegten Straßen, Glasfassaden und sorgfältig angelegten Blumenrabatten. Sie zeugen von einem Reichtum, den die Gewächshauskultur vor 25 Jahren in die ehemals ärmste Region Spaniens brachte. Heute zählt El Ejido 76.000 Einwohner, besitzt 71 Bankfilialen und verfügt über eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes. Etwa 80.000 Immigranten, die Hälfte davon Papierlose, tragen in der Region Almería entscheidend zum spanischen Gemüseexport bei. Sie bilden einen beträchtlichen Teil der ansässigen Bevölkerung, doch sie leben an den Rand der Städte gedrängt. Rassismus und Xenophobie haben in El Ejido Angst und Hass geschürt, die sich im Februar 2000 in einer Welle von Gewalt entluden. Drei Nächte lang zog ein Mob vermummter Bauern und Jugendlicher plündernd und brandschatzend durch die Stadt, nachdem ein geistig verwirrter Marokkaner eine junge Spanierin getötet hatte. Mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffnet jagten die Angreifer die Immigranten durch die Straßen und setzten ihre Häuser in Brand. Die Polizei schritt erst ein, als die Schläger drohten, eine Gruppe Marokkaner zu lynchen, die in einer Cafeteria Zuflucht gesucht hatte. Bis dahin waren die Einsatzkräfte der strikten Anweisung gefolgt, nicht einzugreifen. "Die Immigranten sind hier nicht gern gesehen", erklärt Abdelkader.

Auch die Mitarbeiter der Gewerkschaft sind immer wieder Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Bei einem Übergriff erstachen Jugendliche im letzten Jahr den 40-jährigen Azzouz Hosni, als dieser eine Bar verließ. Der Marokkaner war Mitglied bei der SOC. Die Gewerkschaftsmitarbeiter vermuten, dass es sich bei dem Mord um eine politisch motivierte Tat gehandelt habe. El Ejidos Bürgermeister Juan Enciso Ruiz von der konservativen PP folgt derweil unbeirrt seiner populistischen Linie und wird nicht müde, seinen Leitspruch zu zitieren: Immigranten ja. Aber außerhalb der Stadt.

Außerhalb der Stadt, das ist zwischen den Gewächshäusern. Jeden Abend kehren diejenigen, die tagsüber Arbeit gefunden haben, in ihre Unterkünfte im Plastikmeer zurück. Die Abendsonne geht hinter den Gewächshäusern unter, während die Arbeiter auf ihren Fahrrädern die staubigen Hauptstraßen entlang radeln.
An ihren Lenkern baumeln Wasserkanister und Plastiktüten mit Essen. Enciso Ruiz, der seit über zehn Jahren seinen Sitz im Rathaus hält, lächelt von Werbeplakaten auf sie herunter. „Vertraue dem, der Dir nie den Rücken zuwenden wird – 100% im Interesse der Stadt.“ Ein paar Meter weiter das Zuhause derer, die Enciso am liebsten aus seinem Blickfeld verbannt wüsste: Auf einem verlassenen Platz, der als Müllabladefläche dient, haben marokkanische Arbeiter Hütten aus notdürftig zusammengezimmerten Paletten gebaut. Plastikplanen überdecken die Konstruktion, als Einrichtung dient ein klappriges Bettgestell. Draußen schwelt eine Feuerstelle, der Gestank nach verfaultem Gemüse liegt in der Luft. Fliegen schwirren über einem Haufen von verrottendem Treibhausmüll. Trinkwasser und Elektrizität gibt es hier nicht. „Wasser zum Wäschewaschen und Kochen holen wir uns aus der Balsa“. In den Wasserbassins, die der Bewässerung der Gewächshäuser dienen und meist die einzige Wasserquelle der Chabola-Bewohner sind, schwimmen alte Pestizidkanister. „Prohibido bañarse“ steht am Beckenrand, und Bauer Juan Alonso erregt sich, dass die Arbeiter trotzdem hinein steigen, um Wasser zu holen. „Irgendwann schafft es einer nicht mehr raus, das kennen wir doch, und dann ist es mein Becken, in dem er verreckt.“

Die Elendsbehausungen der Immigranten sind auch der lokalen Regierung ein Dorn im Auge. Am 3. März unterschrieb Evangelina Naranjo, Ratsmitglied der Gemeindeverwaltung von El Ejido, gemeinsam mit Bürgermeistern der Region ein Protokoll zur Räumung illegaler Siedlungen und kündigte an, das Entstehen neuer Chabolas zu verhindern. Stunden später rollte ein Bagger in eine Chabola-Siedlung nahe El Ejido und zerstörte die Behausungen von fünfzehn Immigranten. Als die Bewohner von der Arbeit kamen, fanden sie ihre Habseligkeiten unter den Trümmern begraben. „So was passiert hier so häufig, dass wir schon fast daran gewöhnt sind“, sagt Abdelkader.

Lehrer, Bauern, Fischer, Studenten – egal, welchem Beruf die Immigranten in ihrem Herkunftsland nachgingen, hier durchleben alle dasselbe. „An den Gewächshäusern kommst du nicht vorbei, sie sind für die Papierlosen das Tor nach Spanien.
Nur hier wird es von offizieller Seite geduldet, Illegale zu beschäftigen. Kontrollen gibt es kaum, wir haben nur fünf Inspektoren für die gesamte Provinz, und die kommen nur, wenn es Probleme gibt. Außerdem werden die Kontrolleure vorher angekündigt und der Patrón sorgt dann dafür, dass alles sauber ist, bevor sie eintreffen.“ Spitou Mendy war siebzehn Jahre lang Professor für Sprachen im Senegal, bevor er hierher kam, um in den Gewächshäusern sein Glück zu suchen. „Die Situation der Arbeiter ist fatal. Sie werden ausgebeutet und leben mit der ständigen Angst, abgeschoben zu werden. Obwohl der Vertrag für Tagelöhner in der Landwirtschaft auch für die Papierlosen gilt, wird mit ihren Rechten Schindluder getrieben. Die Patrones überziehen willkürlich die Arbeitszeit und zahlen viel zu wenig. Die Leute spritzen Pestizide ohne Schutzkleidung und leiden an Hautausschlag und Kopfschmerzen, manche bekommen Krebs.“

„Die Arbeiter weigern sich, Schutzkleidung zu tragen. Wieso sollte ich sie dazu zwingen?“. Juan Andrés, Sozio einer großen Treibhausplantage, demonstriert den Gewerkschaftsmitarbeitern zwei Gasmasken und dazugehörige Schutzanzüge in seinem Werkschrank. „Außerdem, was soll’s. Wenn sie wirklich durchs Sprühen kontaminiert werden, dann sind sie es eh längst.“ Dreißig seiner Arbeiter befinden sich seit den Morgenstunden im Streik und fordern sauberes Trinkwasser, Atemschutzmasken, den vertraglich festgelegten Stundenlohn. Sie stehen in der sengenden Mittagssonne vor der Halle, Staub bedeckt ihre Füße, einige tragen Sandalen, dazu T-Shirts, abgetragene Hosen. Mohammed hat seine Papiermaske in die Stirn geschoben. „Seit vier Monaten sprühe ich Tag für Tag Gift. Immer nur mit dieser Maske aus Papier. Manchmal arbeite ich sechzehn Stunden am Tag und bekomme dafür 36 Euro.“ Mit verschränkten Armen stehen sie ihrem Patrón gegenüber. „Mehr kann ich nicht zahlen“, wettert Juan Andrés, er schwitzt, sein Bauch quillt über den Hosenbund. Mehr Geld, dafür weniger Leute, das ist sein Angebot. „Sehen sie, was die mit mir machen. Die Produktion muss heute noch raus!“ Vor der Halle steht ein BMW-Luxusmodell.

Bei Agrupaejido, einer der größten Versteigerungsplattformen für Obst- und Gemüse in der Region, herrscht sechs Tage in der Woche geschäftiges Treiben. Fünftausend Bauern setzen hier pro Jahr ihre Treibhausprodukte ab, die an Abnehmer in ganz Europa gehen. Durch Billigdiscounter und Supermärkte landen die Produkte ohne Umwege auf deutschen Tischen. Auch wenn einige der Produkte einer gewissen Kontrolle durch lokale Behörden und Zertifizierungsinstanzen wie EurepGAP unterliegen, reicht das noch lange nicht aus, um die menschenunwürdige Situation der Arbeiter vor Ort zu verbessern.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace setzt sich schon seit langem für Umweltstandards in der Agrarindustrie ein. Seitdem hat sich auch das Bewusstsein vieler Konsumenten über die Qualität ihrer Lebensmittel geschärft. Doch während Normen für einen ökologisch verantwortungsvollen Umgang in der Landwirtschaft langsam Fuß fassen, bleibt die Sorge um menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter auf der Strecke. Initiativen wie die der BSCI („Business Social Compliance Initative“) für verbesserte Arbeitsbedingungen gibt es bereits. Doch bislang fehlt der nötige Druck auf Anbieter und Institutionen, diese auch zu implementieren und umzusetzen.

Erstveröffentlichung: Süddeutsche Zeitung (27.12.2006)
Online: Wie Sklaven unter Plastik (Spiegel Online)


©2007-2010 S.Islam / B.Marks / marks-photo.de

Seite der Autorin: www.shelina-islam.de

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Zwei mauretanische Immigranten in ihrem provisorisch eingerichteten Kochbereich unter freiem Himmel. Tagsüber arbeiten sie als Tagelöhner in den Gewächshäusern, nachts breiten sie die Matratzen zum Schlafen auf dem Boden aus.

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Aziz (25) in seiner Küche. Er hat sich mit mehreren Freunden aus Marokko in einer mit Paletten verstärkten Ruine eingerichtet, die auf einem verlassenen Platz zwischen Gewächshäusern liegt. Sie ist eine der wenigen Chabolas, in denen es Strom gibt, auch wenn er nicht offiziell gelegt wurde. Die Unterkunft wird deshalb gern als Treffpunkt genutzt. Die meisten der etwa 80 Immigranten, die in mehreren Chabolas auf diesem Platz leben, kennen sich aus ihrer Heimat. "Hier ist es wichtig, Freunde zu haben, mit denen du dich unterhalten kannst", sagt Aziz, und kocht das Essen für das gemeinsame Fastenbrechen weiter.

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Kaum einer bleibt für immer. Wer auf der Suche nach Arbeit ist, bleibt, wo er sie findet und zieht weiter, wenn die Saison vorüber ist. Tausende von Immigranten wandern so von Anbaugebiet zu Anbaugebiet, nur wenige der Papierlosen werden legalisiert und lassen sich nieder. Während der Legalisierungskampagne von 2005 erhielten zwar mehrere Tausend Immigranten einen Aufenthaltsstatus, doch diejenigen, die in den Chabolas und auf der Straße leben, haben keine Aussicht auf einen Wohnsitznachweis. Der aber ist notwendig, um einen Antrag auf Legalisierung stellen zu können.

Das Plastikmeer in Südspanien

Ein Immigrant hält ein Foto in der Hand, das ihn mit einem Freund vor seiner Abreise aus Marokko zeigt. Viele der Immigranten wollen nicht fotografiert werden. Die Bilder könnten in ihre Heimatländer gelangen, wo Familienangehörige und Bekannte meist an eine andere Wahrheit glauben als an die, die das Foto zeigt.

Das Plastikmeer in Südspanien

"Kein Trinkwasser". Der Hinweis steht an einem Wasserzuleitungssystem für Gewächshäuser in der andalusischen Provinz Almería. Dennoch wird von den Immigranten, die in den Elendsbehausungen leben und in der Gemüseproduktion arbeiten, das Wasser zum Waschen und Kochen verwendet. Ihnen bleibt meist keine andere Möglichkeit, da die Elendsbehausungen außerhalb der Städte ohne jeglichen Zugang zu Trinkwasser oder sanitären Anlagen liegen.

Das Plastikmeer in Südspanien

Sortieren für Nordeuropa. Arbeiterinnen einer Gemüseversteigerungsplattform im südspanischen El Ejido bereiten Gemüse für den Export vor.

Das Plastikmeer in Südspanien

Ein Haus inmitten des Plastikmeers in der Gegend um El Ejido. An der Hauswand werden Dienste bei der Aufstellung oder Reparatur der 27.000 Plastik-Gewächshäuser angeboten.

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

"Gerechter Lohn und menschenwürdige Unterkünfte" steht an einer Hauswand mitten im Plastikmeer.

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Zwei Arbeiterinnen scherzen trotz der angespannten Streiksituation.

Das Plastikmeer in Südspanien

Das Plastikmeer in Südspanien

Tagelöhner aus Marokko haben die Arbeit auf einer Finca nördlich von Almería niedergelegt. Vertreter der Landarbeitergewerkschaft SOC erklären den streikenden Arbeitern in arabischer Sprache ihre Rechte. Die Arbeiter waren in den Ausstand getreten, nachdem sie ihren Angaben zufolge über Monate bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten mussten und dabei nicht einmal den Mindestlohn von € 40 für acht Stunden erhielten. Nach Angaben der Streikenden bekommen sie zudem nur kontaminiertes Trinkwasser und beim Versprühen von Pestiziden lediglich eine Staubmaske zur Verfügung gestellt. Streiksituationen wie diese sind eher selten, da viele der Tagelöhner aus Angst um ihren Job die Arbeitsbedingungen klaglos auf sich nehmen.